»Dort bin ich schwul, hier bin ich Ausländer …«

Homophobie und Islamophobie

»Dort bin ich schwul, hier bin ich Ausländer …«

Zur Videodokumentation hier: https://www.youtube.com/watch?v=Uf1FbKAYw5c

Zunehmend versuchen rechtsgerichtete Organisationen Schwule und Lesben als Wähler zu gewinnen. Unser Ziel war es mit einer Veranstaltung diese Propagandaversuche aufgreifen und Gemeinsamkeiten von Homophobie und Islamophobie deutlich machen.

Hierzu  haben wir Herrn Dr. Zülfukar Cetin am 27. Oktober 2016 eingeladen. Dieser hat die Mehrfachdiskriminierung in den städtischen liberalen Milieus der Mehrheitsgesellschaft von binationalen schwulen Paare in Berlin, die zugleich mit Homophobie und Islamophobie konfrontiert sind, untersucht.

Zülfukar Çetin lehrt an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin im Bereich Soziale Arbeit. Seine Doktorarbeit zu Homophobie und Islamophobie wurde 2014 im Rahmen des Deutsch-Türkischen Wissenschaftsjahrs mit dem Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Seit Oktober 2014 arbeitet er an seinem Post-Doc-Projekt „Die Dynamik der Queer-Bewegung in der Türkei als Beispiel für den Widerstand der Zivilgesellschaft“ als Mercator-IPC-Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er ist Vorstandsmitglied des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg. Seine letzte Publikation /Gespräche über Rassismus. Perspektiven & Widerstände/ ist im März 2015 im /Verlag Yılmaz-Günay/ erschienen.

Unser Gast hat in seinem Vortrag die Ergebnisse seiner Forschung vorgetragen und in der anschließenden Diskussion erläutert.

Zu den Ergebnissen seines Vortrags

Zu Anfang betonte der Referent, dass es sich um einen „Anti-muslimischen, rassistischen Homophobiediskurs handele mit dem er sich beschäftige.

Zur Erforschung der Mehrfachdiskriminierung in den städtischen Milieus der Mehrheitsgesellschaft hatte er binationale schwule Paare in Berlin befragt, die gleichermaßen mit Homophobie und Islamophobie konfrontiert sind. In seinem Vortrag stellte Herr Çetin heraus, dass die Gruppe der Homosexuellen und Bisexuellen sehr heterogen und demzufolge auch von unterschiedlichen Diskriminierungen betroffen sei. Er habe sechs Formen der Diskriminierung identifiziert: Es gebe Diskriminierung aufgrund von Herkunft, aufgrund der religiösen Zugehörigkeit, institutionellen Rassismus, Homophobie, Diskriminierung aufgrund des sozialen Status sowie mehrdimensionale Diskriminierung. Heteronormativität und Rassismus seien eng verwoben. Homophobie resultiere aus den Prämissen der Heteronormativität und den daraus folgenden Normalisierungsprozessen.

Herr Dr. Çetin hat zahlreiche Interviews geführt und stellt im Buch sechs davon vor, darunter zwei Interviews mit Schwulen „deutscher Herkunft“, die aktuell in einer binationalen Partnerschaft leben. Für beide Interviewpartner stellt er fest, dass die Phase ihrer Selbstakzeptanz als homosexuell „durch Enttäuschung, Krisen und Verdrängung“ gekennzeichnet ist.

Während sich bei Frank und Kai die Homosexualität und das Coming out als besonders belastendes Moment darstellen, zeigt sich bei Arda und Ali, die beide türkeistämmig sind, ein anderes Bild. Die Anerkennung der eigenen Homosexualität bedeutet für beide psychische Entlastung. Gleichzeitig erleben sie Diskriminierungen. Da beide in der Türkei unter anderem auf dem Arbeitsmarkt homophobe Diskriminierungen erlebten, verbinden sie mit der Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland weitreichende Erwartungen. Diese werden enttäuscht und bewirken Belastungen auch für die partnerschaftlichen Beziehungen:

Die Interviewten Can und Hamid sind hingegen durch eine binationale und bikulturelle Sozialität geprägt. Sowohl Can als auch Hamid erleiden homophobe und rassistische/rassifizierende Diskriminierungen.

Bei allen sechs Interviewten wird eine individuell unterschiedliche Diskriminierungssituation ersichtlich und alle entwickeln einen eigenen Umgang mit dieser. Gleichzeitig belegt Çetin, dass die „mehrdimensionalen Diskriminierungen“ nicht sporadisch und uneinheitlich auftreten, sondern dass „Ein- und Ausschlussmechanismen von bestimmten Machtinstanzen“ ausgehen. Die Studie zeigt damit, dass Ausländer und als Ausländer angesehene Menschen in der Aufnahmegesellschaft wenig Chancengleichheit und Zugang zu wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen haben. Daraus ergeben sich weitreichende soziale Auswirkungen, die auch die individuelle partnerschaftliche Beziehung betreffen.

Die Arbeit unserer Referenten  ist ein wichtiger Schritt, Diskriminierungen und ihre Verschränkungen nachhaltig in den Blick zu bekommen und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen zu können.